Dialog, Dialogprozess und Dialogprozessbegleitung

Der Dialog ist eine Gesprächsform, in welcher der Beitrag jedes Gruppenmitglieds für die Weiterentwicklung der Gruppe oder der Organisation als unentbehrlich betrachtet wird. Im Dialog stehen gegenseitiger Respekt, Zuhören und sich authentisch mitteilen können im Mittelpunkt. Der Dialog wird zum Pfeiler für das gemeinsame (kollektive) Denken der Gruppe sowie ein Instrument für persönliche Entwicklung und effektive Kommunikation.

Der Dialog hat als Kommunikationsform eine lange Geschichte. Seine Wurzeln finden sich in unterschiedlichsten Kulturen, von der alten Griechischen Kultur bis zur Indianische Kultur, in denen die ‚Gesprächsrunden’ eine wichtige Basis für die Entwicklung der Gemeinschaft bildeten. Im Industriellen Zeitalter ging der Dialog eher unter und wurde durch andere Kommunikationsformen wie der Diskussion und der Debatte ersetzt.

Das Interesse am Dialog wurde im vergangenen Jahrhundert durch zwei wichtige Philosophen wieder geweckt: Martin Buber und David Bohm. Buber betonte die Bedeutung der Begegnung und einer dialogischen Haltung für die psycho-spirituelle Entwicklung des Menschen. Der Physiker Bohm wies auf die Fragmentierung des menschlichen Denkens und auf die Notwendigkeit, diese mit Hilfe der Dialog zu überwinden, hin.

Eine andere lange ‚dialogische’ Tradition, die in Nord-Amerika auf viel Interesse stößt, hat das ‚Native American Council’. Das sind Gesprächsrunden, in denen ein ‚Talking Stick’ (Sprechstock) oder ein anderes Sprechsymbol benützt werden, um die Aufmerksamkeit auf jeden individuellen Beitrag zu richten und so gemeinsam über bestimmte Themen nachzudenken und gemeinsam zu Entscheidungen zu kommen. ‚Council’ ist in Amerika als dialogische Kommunikationsform sehr bekannt und wird in vielen Institutionen und Organisationen, von Schulen bis zu großen Unternehmen, mit Erfolg angewandt.

Auch in der Theorie über die Entwicklung lernender Organisationen tauchte der Dialog Anfang der 90er Jahre als wichtiger Begriff auf: Peter Senge, Mitarbeiter des MIT in Boston und bekannter Forscher auf dem Gebiet des Systemischen Denkens in Organisationen, stellte fest, dass viel Wissen in Organisationen implizit (d.h. unausgesprochen) bleibt, und damit oft verloren geht oder zu Problemen in der Kommunikation führt. Laut Senge stellt der Dialog in Organisationen einen wichtigen Eckstein für die Weiterentwicklung der Organisation dar.

In diesen unterschiedlichen Auffassungen über Dialog und das dialogische Prinzip gibt es einige gemeinsame Eigenschaften, die einen Dialog zum Dialog machen:

  • Der Dialog basiert auf Respekt für die gegensätzliche Meinungen
  • Im Dialog wird intensiv zugehört
  • Im Dialog kann sich jeder mitteilen, ohne unterbrochen zu werden und wird jeder Beitrag als wichtig betrachtet
  • Im Dialog findet die Kommunikation verlangsamt statt
  • Im Dialog entsteht ein Zeitraum, in dem unterschiedliche Meinungen neben (statt gegen) einander gestellt und in der Schwebe gehalten werden, bis ein gemeinsamer neuer Sinnfluss im gemeinsamen Denken entsteht
  • Im Dialog hat jeder Teilnehmer die Chance, in der Begegnung von Meinungen Anderer, das eigene Denken und dessen Grenzen bewusst zu untersuchen.
  • Im Dialog wird Offenheit und Authentizität gefördert
  • Der Dialog basiert auf die absoluter Gleichwertigkeit und freiwilliger Anteilnahme der Teilnehmer.

Der Dialog findet oftmals in kreisförmigen Runden statt, in denen die Teilnehmer einander sehen können und in denen eine Mitte das Zentrum der Gruppe symbolisiert. Oft wird auch ein Sprechsymbol wie ein Talking Stick oder ein Stein benützt, um die notwendige Verlangsamung, das einander Zuhören und das sich frei Ausdrücken zu unterstützen. Viele Dialogkreise benützen auch ein Klangschale oder ein anderes Instrument, mit deren Hilfe jeder Teilnehmer den Dialogprozess zu jeder Zeit unterbrechen oder verlangsamen kann.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche andere Formen des Gesprächs in Gruppen, die ebenfalls über die oben angeführten dialogischen Kennzeichen verfügen, jedoch zum Beispiel nicht im Kreis stattfinden oder mit Sprechsymbolen ablaufen. Der Dialog kennt also viele Formen und Möglichkeiten, die alle ihre Vorteile und auch ihre Einschränkungen kennen.

Der Dialog findet derzeit in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen seinen Weg in viele unterschiedliche Kontexte wie Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Vereine, Gemeinschaften und andere Non-Profit und auch Profit Organisationen. Dort wird er oft als Hilfsmittel für den Aufbau einer besseren Kommunikationsbasis und als Hilfsmittel bei kreativen Entscheidungsprozessen angewendet. Er wird aber auch mehr und mehr als Weg für persönliche Entwicklung und als innere Haltung, die auch sehr hilfreich sein kann in Familien, bei Erziehungsfragen und in Beratungs- oder Therapiesituationen, erkannt.

Ein Dialogprozessbegleiter ist der Gastgeber für den Prozess, den wir ‚Dialog’ nennen. Er oder sie bereitet den Raum vor und hilft der Gruppe auf dem Weg, laut oben erwähnter Prinzipien, miteinander zu kommunizieren. Der Begleiter oder die Begleiterin geht diesen Weg gemeinsam mit der Gruppe, ist selbst auch Teilnehmer und vertritt für die Gruppe das, was beim Führen des Dialogs und beim Entwickeln einer dialogischen Haltung hilfreich sein kann. Er oder sie ‚bewahrt’ den Raum für den Dialog. Da jeder Begleiter einen unterschiedlichen Hintergrund mitbringt und an unterschiedlichen Anwendungsgebieten interessiert ist, entwickelt jeder Begleiter einen eigenen Stil im Begleiten von Dialogen.