Storytelling & Dialog

Unlängst habe ich (Eelco) an einem Workshop des European Council Networks teilgenommen, der die Kreis- Arbeit in der Tradition der Ojai Foundation in Europa verbreitet. Die Ojai Foundation ist seit 25 Jahren in Nordamerika aktiv damit beschäftigt, das offene Sprechen und Zuhören in Kreisform, mit Hilfe eines Talking Stick oder einem anderen Sprechsymbol, in Organisationen und Gemeinschaften einzuführen. Diese Arbeit hat dort vor allem zum Unterrichtswesen Zugang gefunden, was dazu geführt hat, dass ‚Council‘, wie diese Form heißt, in Amerika eine sehr bekannte Form der dialogischen Kommunikation geworden ist.

Die Dialog – Kreisarbeit, die einen zentralen Platz in unser Arbeit einnimmt, hat eine so  weitgehende Verwandtschaft mit ‚Council‘, dass man eigentlich nicht von wesentlich unterschiedlichen Methoden sprechen kann. Es gibt aber einige Akzent-Unterschiede in der Art und Weise wie der Dialogkries eingeführt und begleitet wird.
In Council werden vier Achtsamkeiten für den Austausch im Kreis mitgegeben:
  • Sprechen von Herzen
  • Zuhören vom Herzen
  • Spontan, aus dem Moment heraus sprechen
  • Kernhaft Sprechen (nicht mehr oder weniger als nötig ist)
Im Council wird vor allem auf das ‚Storytelling‘ Wert gelegt. Das heißt, dass TeilnehmerInnen eingeladen sind, persönliche Geschichten zu bestimmten Themen oder Fragestellungen miteinander zu teilen. Das kann eine Erinnerung aus dem eigenen Leben, ein Text, Gedicht, Musik, oder eine persönliche Erfahrung betreffen.
Man ist eingeladen eine Geschichte nicht zu „planen“  oder vorzubereiten, sondern in dem Moment  in dem man den Sprechstab oder andere Sprechsymbole in die Hand nimmt, wahrzunehmen, welche Geschichte spontan hochkommt. Dieses spontan aus dem Moment reagieren, unterstützt die gegenseitige Beeinflussung der Geschichten, woraus sich etwas Kollektives in der Gruppe entwickeln lässt.
Dieses Erzählen von Geschichten habe ich als eine große und wichtige Kraft erlebt. Man denkt nicht zielgerichtet über ein Thema nach, aber öffnet den Raum für alle Assoziationen die in der Gruppe leben. Es hat eine große Kreativität zur Folge und bringt eine Tiefe im Austausch, sowie ein Gefühl miteinander verbunden zu sein. Ich habe es auch als eine sehr sichere Form von Dialog erlebt, die sehr hilfreich ist um einen gemeinsamen ‚Container‘ für Dialog aufzubauen und zu stärken, auch wenn große Unterschiede im Raum sind. In Council suchen wir vor allem nach den Geschichten und Erfahrungen, die im Hintergrund unserer Standpunkte, Meinungen und Gefühle stehen. Wenn diese sichtbar werden können, wird ein Teilen und gemeinsames Denken möglich.
Das Erzählen von Geschichten betrachte ich persönlich als einen sehr wichtigen Teil eines Dialogprozesses. Es vereinfacht und erleichtert Begegnung, bringt Inspiration, und verhindert oft in erster Linie das Auftreten großer Gegensätze und eine starke Gruppendynamik.
Genau dort liegt natürlich auch das Risiko: Nur Geschichten miteinander teilen kann die Gruppe längerfristig von jeglichem, direktem Kontakt und Reibung zwischen den Teilnehmern, wegführen. Es ist wichtig, dass der Dialog auch genügend Raum für diese Gegensätze, Unterschiedlichkeiten und Reibungen hat, damit er sich gerade durch die schwierigen Phasen hindurch vertiefen und verstärken kann.
Wir können uns aber fragen, womit eine Gruppe in einer bestimmten Phase am besten geholfen wird und was den gemeinsamen Prozess unterstützten könnte. Das Erzählen von Geschichten ist darin eine sehr gute Möglichkeit, vor allem wenn es darum geht, Verbindung aufzubauen, zu stärken und kreativ miteinander nachdenken zu können über unterschiedliche Themen.

Eelco de Geus,  April 2010